26.10.2023
Bergsteigen als Lebensschule: Tamara Lunger über den Mut, die eigene Richtung zu finden
Wir trafen die Extrembergsteigerin Tamara Lunger, die sich durch beeindruckende Gipfelerfolge, wie die Besteigung des K2 und des Manaslu, einen Namen gemacht hat, auf dem Thrive Festival in Bruneck. Lies jetzt das tiefgehende Interview über Motivation, Selbstakzeptanz und die Bedeutung von Female Empowerment.
Teil 2: Interview mit Tamara Lunger

Das erste Interview dieser Serie mit Thrive-Gründerin Nora Dejaco findest du hier.

Wir trafen die Extrembergsteigerin Tamara Lunger, die sich durch beeindruckende Gipfelerfolge, wie die Besteigung des K2 und des Manaslu, einen Namen gemacht hat, auf dem Thrive Festival in Bruneck. Tamara, bekannt für ihre unerschütterliche Willenskraft und die Fähigkeit, den härtesten Bedingungen der Natur zu trotzen, inspiriert uns mit ihrer Geschichte. In einem tiefgehenden Gespräch öffnete sie sich über ihre Perspektive auf Motivation, ihren persönlichen Weg zur Selbstakzeptanz und die essentielle Bedeutung, auf die eigene Intuition zu hören.

 

Tamara, was bedeutet Motivation für dich?

Tamara Lunger: Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Ich denke, um sich wirklich zu motivieren, muss man eine gewisse Begeisterungsfähigkeit in sich haben. Wenn ich mich beispielsweise überhaupt nicht fürs Kochen begeistern kann, würde es auch keinen Sinn ergeben, mich zum Koch ausbilden zu lassen. Es beginnt damit, seine eigenen Interessen und Vorlieben gut zu kennen, denn sie bilden die Basis für die Grundmotivation. Ich kann diese Motivation aber noch weiterentwickeln, indem ich mir klare, konkrete Ziele setze und mich in meine Leidenschaft vertiefe. Dieser Prozess ermöglicht es mir, über meine Grundmotivation hinauszuwachsen und mich inspirieren zu lassen.

 

Motivation heißt ja auch hinfallen, aufstehen, weitermachen. Wie siehst du das?

Tamara: Ich habe früher genauso gedacht. Aber inzwischen denke ich, dass man nicht immer alles unbedingt zu Ende bringen muss. Es kann auch passieren, dass dich dein Weg an einen bestimmten Punkt in deinem Leben führt, an dem du etwas völlig Neues und Unerwartetes entdeckst.

 

Wie wichtig ist dir ein Event für Female Empowerment heutzutage?

Tamara: Das Thrive Festival ist unglaublich wertvoll und spielt eine entscheidende Rolle für mich. In meinem früheren, vorwiegend männlich geprägten Umfeld gab es Momente, in denen ich mich zu sehr anpassen musste. Mein Perspektivenwechsel begann 2011 auf einer Frauenexpedition, wo ich die Stärke und den Wert weiblicher Gemeinschaft erkannte. Diese Erfahrung half mir, meine Weiblichkeit anzunehmen und schätzen zu lernen, nachdem ich zuvor Schwierigkeiten hatte, mit anderen Frauen in Kontakt zu treten. Heute schätze ich tiefgründige Gespräche mit Frauen, die auf meiner Wellenlänge sind, als wertvolle Bereicherung meines Lebens. Unter Frauen fühlt man sich einfach anders.

 

 

Wie hat sich dein Umgang mit typisch weiblichen Eigenschaften im Laufe deiner Karriere verändert und wie hat dir das geholfen, insbesondere bei Herausforderungen wie dem Bergsteigen?

Tamara: In der Vergangenheit habe ich typisch weibliche Eigenschaften wie Empathie und Intuition abgelehnt und unterdrückt, aus Angst vor Schwäche und Scheitern. Doch ich habe erkannt, dass gerade diese Eigenschaften eine Stärke sein können. Meine weibliche Intuition hat mir 2016 bei der Winterbesteigung des Nanga Parbats das Leben gerettet, als ich mich entschied, 70 Meter vor dem Gipfel umzukehren. Das hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, auf sich selbst und seine eigenen Grenzen zu hören, statt blind der Masse oder einem Trend zu folgen.

 

Was würdest du der jungen weiblichen Generation mit auf den Weg geben?

Tamara: Frauen sind unglaublich stark, und es hat eine Weile gedauert, bis ich das wirklich verstanden habe. Früher dachte ich, Frauen würden ihre Weiblichkeit oft als Ausrede benutzen, was sie in meinen Augen schwächer erscheinen ließ. Doch im Laufe der Zeit habe ich erkannt, dass Frauen, auch wenn sie anders sind als Männer, genauso viel erreichen können. Entscheidend ist dabei, die eigenen Ziele mit Hingabe, Liebe und Leidenschaft zu verfolgen, dann wird sich der Weg zum Erfolg fast von selbst eröffnen. Und ein geradliniger Weg mag zwar Herausforderungen ersparen, beraubt einen aber auch der Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln.

 

Bleiben wir bei der persönlichen Weiterentwicklung: Was hast du für dich geplant in nächster Zeit?

Tamara: Ich habe bereits eine Ausbildung zur Speakerin absolviert und bin derzeit in der Ausbildung zur Regenerationstrainerin. Mein Ziel ist es, diese beiden Qualifikationen zu kombinieren und Seminare anzubieten, die sich mit Themen wie Intuition, Stressbewältigung und Leistungsdruck befassen. Es ist durchaus möglich, dass ich mich dabei speziell auf Frauen fokussiere. Mir ist wichtig zu betonen, dass im Leben nicht immer alles auf Erfolg ausgerichtet sein muss. Zahlen, Daten und Fakten sind nicht der einzige Weg. Vielmehr kommt es darauf an, eine tiefere Verbindung zu sich selbst aufzubauen. In unserer hektischen Welt haben wir uns so sehr von uns selbst entfernt, dass kaum Zeit für Selbstreflexion bleibt. In den Bergen zum Beispiel sind wir dazu gezwungen, Zeit mit uns selbst zu verbringen, und genau das ist es, was ich für entscheidend halte: bewusst Raum für sich selbst zu schaffen – es ist wie ein Date mit sich selbst. Vernachlässigt man das, bleibt die eigene Intuition auf der Strecke.